Die Wahrheit

Es könnte so einfach sein, das Leben, hätte jeder seine Wahrheit.

Der Begriff beschreibt nur eine Sache und dennoch verstehen Menschen darunter etwas Unterschiedliches.

Für mich ist es schwer, meine eigene Wahrheit zu finden. Was meine ich eigentlich damit?

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Die eigene Wahrheit geben

Den Denkanstoß dazu hat mir Luna Darko gegeben. In ihrem Video, das knapp eine Stunde geht, erzählt sie von Menschen, denen sie immer ihre Wahrheit gegeben hat und enttäuscht wurde, da andere damit nicht umgehen konnten oder sie anlogen und es als die Wahrheit kennzeichneten.

In meinem Kopf folgte ein tagelanger Denkprozess. Was ist mit meiner Wahrheit? Gebe ich anderen Leuten immer meine Wahrheit? Bin ich voll und ganz ehrlich?

Zumindest versuche ich das. Zu meinen Freunden und meiner Familie bin ich ehrlich – spreche aus, was ich von bestimmten Dingen halte und spreche auch über meine Gefühle. Wenn sie mich um Rat bitten, ist es für mich das Wichtigste, ehrlich zu sein.

Ich versuche, nichts zu verheimlichen, was gezeigt werden sollte, zeige mein wahres Gesicht und meine Emotionen ganz direkt.

Und dennoch ist mir aufgefallen, dass ich nicht meine vollkommene Wahrheit gebe.

Vor allem bei Menschen, die ich noch nicht so gut kenne, tanze ich um sie herum. Ich weiß nie, was ich sagen kann und darf, denn das was ich am meisten hasse, ist Menschen zu verletzen. Und selbst, wenn ich mich an die Wahrheit heran taste, merke ich, wie ich sie mit schönen Worten verziere.

Ich finde das auch gar nicht falsch. Man sollte Menschen nicht verletzen. Doch was ist mit dem Druck, der in einem selbst entsteht, der immer wieder spricht: “Sag’ bloß nichts Falsches!” – sollte der nicht weg?

Sollte die Wahrheit nicht das sein, was jeder verdient hat, zu hören?

Notlügen sind eine tolle Erfindung. Sie retten aus so mancher Notlage und wenn sie geschickt eingesetzt werden, dann sind sie grundsätzlich nichts Schlimmes.

Dennoch ist es nur eine Lüge zur Not, sie ersetzt nicht die Wahrheit – sie hilft ihr nur aus.

Eine schlechte Eigenschaft an mir ist, dass ich zu viel grübel, was andere von mir halten könnten. Außerdem denke ich zu viel darüber nach, was ich sage, bevor ich es ausspreche. In einem gesunden Maß ist das eine gute Eigenschaft. Jedoch nicht, wenn man den Moment verpasst und dann einfach gar nichts mehr sagt.

Die Wahrheit über sich selbst

Ich habe mir vorgenommen, öfter auszusprechen, was sich in meinem Kopf befindet, ohne mich schlecht dabei zu fühlen. Denn unter Druck etwas zu sagen, das an die Wahrheit angelehnt ist, ist nicht weniger, als eine Lüge.

Es beginnt bei einem selbst: Termine vor sich her schieben, Fehler nicht eingestehen, zu sagen “ich bin halt so”, anderen von den Hobbys erzählen, die man gar nicht hat; drei Monate lang ins Fitnessstudio gehen, obwohl man es hasst, Klamotten anziehen, die einem nicht stehen oder gefallen, weil sie anderen gefallen; nicht “ich liebe dich” sagen, weil man sich rar machen möchte; den teuren Starbucks Kaffee kaufen, obwohl man kein Geld mehr hat, nur, um es auf Instagram zu posten; sich schämen, wenn man als Veganer mal Fleisch gegessen hat; und die Liste hört nicht auf.

Aufgefallen ist mir vor allem, dass ich unehrlich zu mir selbst bin, wenn ich Fehler anderer Menschen nicht sehen möchte.

Kurze Story: Ich hatte eine jahrelange Freundin, die mich nicht nur behandelt hat, als wäre ich dumm – sie hat es mir regelmäßig gesagt, hat sich über meine Interessen lustig gemacht, mich betrogen und belogen. Ich habe das alles mit mir machen lassen.

Wo bleibt da die Wahrheit zu sich selbst? Wieder gefunden hatte ich sie erst beim endlosen Kontaktabbruch.

Ich habe mir oft eingeredet, dass ich mit ihrer Art umgehen kann und dass ich Menschen so akzeptieren muss, wie sie sind. Dem ist aber nicht so.

Wir können ehrlich sein und Dinge scheiße finden. Wir können Menschen scheiße finden und auch das Leben hin und wieder und wir müssen uns nicht dafür schämen.

Sich selbst die Wahrheit zu geben bedeutet im ersten Sinne, seinen Gedanken zu vertrauen und sie nicht verändern zu wollen. Gedanken sind da. Und sie haben einen Grund dazu. Sie wollen dir mitteilen, wie du funktionierst.

Wahrheit in verrückten Situationen

Jemandem die totale Wahrheit zu geben, bedeutet nicht nur, Menschen die Meinung zu sagen. Es bedeutet, die eigene Wahrheit zu einer Priorität zu machen, nicht im egoistischen Sinne:

Haben wir eine Meinung von etwas, sollten wir über den Tellerrand blicken. Wie sieht die Meinung anderer aus? Wie kann ich meine Meinung von außen betrachten? Ergibt sie einen Sinn? Sollten wir eine Meinung einfach vertreten, ohne sie als unsere komplette, totale Wahrheit anzusehen?

Menschen haben vergessen, dass es auch in Ordnung ist, zu sagen “Sorry, ich weiß leider nicht genug darüber, um mir eine Meinung zu bilden/ um genauer darauf einzugehen”

Sollte dir jemand weis machen, dass deine Gedanken, dein Wissen, deine Wahrheit wertlos sind, dann überzeuge sie von etwas Besserem.

Beispiel: Ich führte eine Diskussion mit einer Bekannten über ein Thema, mit dem ich mich zuvor etwas intensiver beschäftigt hatte. Sie verstand nicht einmal meine Anhaltspunkte und leugnete meine Recherchen. Sie war einfach nur der Überzeugung, dass sie Recht hatte. Ich verschloss nach einer Zeit den Mund, da sie mich dazu brachte.

In diesem Moment war ich unehrlich zu mir selbst: Ich dachte, meine Worte sind nicht hörenswert, vor allem nicht meine Gedanken, die mir während der Diskussion im Kopf umher schwirrten (“dumme F****, du hast doch keine Ahnung, hör auf, so ne Scheiße zu erzählen! Befass’ dich erstmal mit den Dingen, bevor du glaubst, du könntest darüber etwas sagen”)

Geben wir uns selbst und anderen dann die Wahrheit, wenn wir unseren Mund halten? Und konnte sie das, was sie in dem Moment gesagt hat, als (ihre) Wahrheit betiteln, wenn sie sich nicht mit der Meinung, die sie vertrat auseinander gesetzt hatte?

Man könnte sagen, dass das ein gesellschaftliches Problem ist und man nicht beleidigend werden muss – stimmt auch, nur sollte man aus Höflichkeit oder wegen dem Spruch “der Klügere gibt nach” nicht sagen, was man zu sagen hat? Zumindest wenigstens die Fakten auf den Tisch bringen? Soll man sich ärgern und denken “am Liebsten hätte ich in dem Moment dies und jenes gesagt” anstatt es einfach zu sagen?

Man könnte ewig über dieses Thema philosophieren, denn für die eine Gruppe ist es okay, Stress zu vermeiden, indem man nicht ehrlich ist und für die andere Gruppe ist es wichtig, zu sagen, was man denkt.

Zu sagen, was man denkt ist okay, solange man (der Meinung bin ich), Menschen nicht dabei verletzt – jedoch sollte es die komplette Wahrheit sein.

Die eigene Meinung kann man haben, wenn man sie begründen kann und dabei nicht vergisst, dass sich Meinungen ändern können oder dass man nicht genug weiß.

Und zu guter Letzt: Sich selbst die Wahrheit zu geben ist die Basis dafür, anderen die Wahrheit zu geben.

Schreckt nicht davor zurück, Emotionen und Gedanken heraus zu lassen. Alles ist an seinem Platz und gehört zum Mensch sein dazu. Jeder hat die Wahrheit verdient, auch, wenn uns nicht gefällt, wie Menschen mit ihr umgehen und auf sie reagieren.

julia

 

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